(VLT04) – [DE] Österreichischer Vorlesetag 2026
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Rainer Maria Rilke: Die Flucht |
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Die
Kirche war ganz leer. Durch
das bunte Glasfenster über dem Hauptaltar brach der Abendstrahl, breit und schlicht,
wie alte Meister ihn auf der Verkündigung Mariens darstellen, in das
Hauptschiff und frischte die verblaßten Farben des
Stufenteppichs auf. Dann
durchschnitt der Lettner mit seinen barocken Holzsäulen den Raum, und
jenseits desselben wurde es immer dunkler, und die kleinen ewigen Lampen
blinzelten immer verständnisvoller vor den nachgedunkelten Heiligen. Hinter
dem letzten, plumpen Sandsteinpfeiler war es ganz Nacht. Dort saßen sie, und
über den beiden hing ein altes Stationsbild. Das blasse Mädchen drückte ihre
lichtbraune Jacke in die dunkelste Ecke der schweren, schwarzen Eichenbank.
Die Rose auf ihrem Hut kitzelte dem Holzengel in der geschnitzten Lehne das
Kinn, so daß er lächelte. Fritz, der Gymnasiast, hielt die beiden winzigen
Hände des Mädchens, welche in zerschlissenen Handschuhen staken, in den
seinen, so wie man ein kleines Vögelchen hält, sanft und doch sicher. Er
war glücklich und träumte: sie werden die Kirche zusperren und uns nicht
bemerken, und wir werden ganz allein sein. Gewiß
gehen Geister hier in der Nacht. Sie schmiegten sich fest aneinander, und
Anna flüsterte ängstlich: »Ists nicht schon spät?« Da
fiel ihnen beiden ein Trauriges ein; Ihr - der Platz am Fenster, an dem sie
tagaus tagein nähte; man sah eine häßliche, schwarze
Feuermauer von dort und niemals Sonne. Ihm - sein Tisch, voll mit
Lateinheften, auf dem aufgeschlagen lag Platon-Symposium (Πλάτων
συμπόσιον).
Die beiden Menschen schauten vor sich hin, und ihre Blicke gingen derselben
Fliege nach, welche durch die Rillen und Runen der Betbank pilgerte. Sie
sahen sich in die Augen. Anna
seufzte. Fritz legte leise und hütend den Arm um sie und sagte: »Wer doch so fort könnte.« Anna blickte
ihn an und sah die Sehnsucht, die in seinen Augen leuchtete. Sie senkte die Lider,
wurde rot und hörte: »Überhaupt sie sind mir verhaßt,
gründlich verhaßt. Weißt du: wie sie mich
ansehen, wenn ich von dir komme. Sie
sind lauter Mißtrauen und Schadenfreude. Ich bin
kein Kind mehr. Heut oder morgen, wenn ich was verdienen kann, gehen wir
zusammen, weit fort. Allen zum Trotz.« »Hast
du mich lieb?« Das blasse Kind lauschte.
»Unbeschreiblich lieb.« Und Fritz küßte ihr die Frage von den Lippen. »Wird das bald sein,
daß du mich mit dir nimmst?« zögerte die Kleine. Der
Gynmasiast schwieg. Er hob unwillkürlich den Blick,
ging der Kante des plumpen Sandsteinpfeilers nach und las über dem alten
Stationsbild: «Vater vergieb ihnen...« Da
forschte er ärgerlich: «Ahnen sie was bei dir zu Haus?«
Er drängte die Anna: »Sag.« Sie nickte ganz leis. «So«,
wütete er, «ich sags ja, also doch. Diese
Klatschbasen. Wenn ich nur...« Er grub
den Kopf in die Hände. Anna
lehnte sich an seine Schulter. Sie sagte einfach: «Sei nicht traurig.« So verharrten sie. Plötzlich sah der junge Mensch auf
und sagte: »Komm fort mit mir!« Anna
zwang ein Lächeln in ihre schönen Augen, welche voll Tränen waren. Sie
schüttelte den Kopf und sah sehr hilflos aus. Und der Student hielt wieder
wie früher ihre winzigen Hände, die in schlechten Handschuhen staken. Er sah
in das lange Hauptschiff hinein. Die Sonne war erloschen, und die bunten
Glasfenster waren häßliche, mattfarbene
Kleckse. Es war still. Dann
begann hoch in der Halle ein Piepsen. Beide schauten auf. Sie bemerkten eine
verirrte kleine Schwalbe, welche mit müden, ratlosen Flügen das Freie suchte. Auf
dem Heimweg dachte der Gymnasiast an ein verabsäumtes lateinisches Pensum. Er
beschloß, noch zu arbeiten, trotz des Widerwillens,
den er hatte, und trotz aller Müdigkeit. Aber fast unwillkürlich machte er
einen großen Umweg, verirrte sich sogar ein wenig in der sonst gut bekannten
Stadt, und es war Nacht, als er in seine enge Stube trat. Auf den
Lateinheften lag ein kleines Briefchen. Er las bei der unsicher flackernden
Kerze: »Sie
wissen alles. Ich schreibe Dir unter Tränen. Der Vater hat mich geschlagen.
Es ist schrecklich. Jetzt lassen sie mich nie mehr allein ausgehen. Du hast recht. Komm fort. Nach Amerika oder wohin du willst. Ich
bin morgen früh um sechs Uhr auf der Bahn. Da geht ein Zug. Vater Fährt immer
auf die Jagd damit. Wohin - weiß ich nicht. Ich schließe. Es kommt jemand.
Also erwarte mich. Bestimmt. Morgen um sechs. Bis in den Tod, Deine Anna“ Es
war niemand. Wohin, glaubst Du, gehen wir? Hast Du Geld? Ich habe acht
Gulden. Diesen Brief schick ich Dir durch unser Dienstmädchen an das euere. Mir ist jetzt gar nicht mehr bang. Ich glaube,
Deine Tante Marie hat geklatscht. Sie hat uns also Sonntag doch gesehen. Der
Gymnasiast ging in großen und energischen Schritten auf und nieder. Er fühlte
sich wie befreit. Sein Herz pochte heftig. Er empfand auf einmal: Mann sein.
Sie vertraut sich mir an. Ich darf sie beschützen. Er war sehr glücklich und wußte: Sie wird mir ganz gehören. Das Blut stieg ihm in
den Kopf. Er mußte sich setzen, und dann kam ihm in den Sinn: Wohin? Diese
Frage wollte nicht schweigen. Fritz übertönte sie dadurch, daß er aufsprang
und Vorbereitungen machte. Er
legte ein wenig Wäsche und ein paar Kleider zurecht und preßte
die ersparten Guldenscheine in das schwarze
Ledertäschchen. Er war voll Eifer, schob ganz unnütz alle Laden auf, nahm
Gegenstände und trug sie wieder an ihren alten Platz, warf die Hefte vom
Tische in irgend eine Ecke und zeigte seinen vier
Wänden mit prahlerischer Deutlichkeit: Hier ist Auswanderung, Schluß. Mitternacht
war vorbei, als er am Bettrand niedersaß. Er dachte nicht ans Schlafen.
Angekleidet legte er sich hin, nur weil ihn, wahrscheinlich vom vielen
Bücken, der Rücken schmerzte. Er dachte noch einigemal:
Wohin? und sagte laut: »Wenn man sie wirklich lieb hat...« Die
Uhr tickte. Tief unten fuhr ein Wagen vorbei, und die Scheiben zitterten
davon. Die Uhr, die noch von den Zwölfschlägen müde war, atmete auf und sagte
mühsam «Eins«. Mehr konnte sie nicht. Und Fritz hörte es noch wie aus weiter
Ferne und dachte: Wenn man sich... wirklich...... Aber im allerersten
Morgengrauen saß er fröstelnd in den Kissen und wußte
bestimmt: Ich mag Anna nicht mehr. Sein Kopf war so schwer: Ich mag Anna
nicht mehr. War
das ihr Ernst? Um ein paar Schläge auf und davon laufen. Wohin denn? Er sann
nach, als hätte sie's ihm anvertraut: Wohin wollte sie denn? Irgendwohin,
irgendwohin. Er empörte sich: Und ich? Ich sollte natürlich alles im Stiche
lassen, meine Eltern und – alles. Oh und die Zukunft, das Hernach. Wie dumm
das war von Anna, wie häßlich. Ich möchte sie
schlagen, wenn sie das imstande wäre. Als
ihm die frühe Maisonne, so recht hell und heiter, in die Stube kam, hoffte
er: Sie kann es nicht ernst gemeint haben. Er beruhigte sich ein wenig und hatte
viel Lust, im Bett zu bleiben. Allein er sagte sich: Auf den Bahnhof will ich
gehen und sehen, daß sie nicht kommt. Und er malte sich die Freude aus, wenn
Anna nicht kommt. Fröstelnd
in der frühen Frische und mit großer Müdigkeit in den Knieen
ging er auf den Bahnhof. Die Vorhalle war leer. Halb ängstlich, halb
hoffnungsvoll hielt er Umschau. Keine
gelbe Jacke. Fritz atmete auf. Er durchlief alle Gänge und Säle. Reisende
gingen verschlafen und teilnahmslos auf und nieder, Gepäcksdiener lümmelten
an hohen Säulen, und Leute aus der untersten Klasse saßen verdrossen, an
Bündel und Körbe gelehnt, auf staubigen Fensterbänken. Keine gelbe Jacke. Der
Portier rief irgendwo in einem Wartesaal Ortsnamen. Er läutete mit einer
schrillen Glocke. Dann schnarrte er dieselben Ortsnamen ganz nah und dann
noch einmal auf dem Bahnsteig. Und immer läutete davor die häßliche Glocke. Fritz
wandte sich und schlenderte, die Hände in die Taschen bohrend, in die
Vorhalle des Bahnhofes zurück. Er
war sehr zufrieden und dachte mir Siegermiene: Keine gelbe Jacke. Ich wußte es ja. Wie
im Übermut trat er hinter eine Säule. Er wollte den Fahrplan studieren, um zu
erfahren, wohin denn dieser verhängnisvolle Sechsuhrzug eigentlich führe. Er
las mechanisch die Stationen und machte ein Gesicht wie einer, der eine
drollige Treppe besieht, auf der er fast gestürzt wäre. Da
klappten schnelle Schritte auf den Fliesen. Als Fritz aufschaute, erhaschte
sein Blick eben noch an der Perrontüre die kleine
Gestalt in der gelben Jacke und dem Hute, auf welchem eine Rose schwankte.
Fritz starrte ihr nach. Dann
überkam ihn eine Furcht vor diesem schwachen, blassen Mädchen, welches mit
dem Leben spielen wollte. Und als bangte er, sie könnte kommen, ihn finden
und ihn zwingen, in die fremde Welt zu fahren, raffte er sich auf und lief,
so schnell er konnte, ohne sich umzusehen, der Stadt zu. |
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Erzählung von Rainer Maria Rilke, 1897. Eigentlicher Name: René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke Rilkes Erzählungen stammen aus den Jahren von 1893 bis 1902 und sind damit vornehmlich seinem Frühwerk zuzuordnen. |
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R. M. Rilke 1875 Prag – 1926 Montreux, Schweiz, |
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Sendungen des ORF,
Ö1, Radiokolleg, vom Dezember 2025 |
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Artikel der Standard |
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